Jan Cermak

Bienvenidos a Venezuela

dondé todo es possible

Reisebericht von Jan Cermak, 2.11.-17.11.2007

Auf dem Flug nach Caracas machen Ariane und ich Bekanntschaft mit Enrique, einem Venezolaner mit deutschem Pass, der 14 Jahre in Deutschland lebte und jetzt fürs venezolanische Tourismusamt arbeitet. Wir haben auf unserer 2 wöchigen Backpacker-Tour nur den Anschlussflug ab Caracas sowie die 1. Nacht fix gebucht und auch zum Voraus bezahlt. Im Kopf haben wir ungefähr einen groben Routenplan, was wir in diesen 2 Wochen alles sehen möchten. Enrique ist ein Vollbluttouristiker und schwärmt fast während des ganzen Flugs von seinem Land. Er lädt uns ein, das Wochenende mit ihm zu verbringen. Vorerst verneinen wir, doch 5 Minuten vor der Landung in Caracas entscheiden wir uns, den Anschlussflug und die Übernachtung im Hotel verfallen zu lassen und sein Angebot anzunehmen.

Es kommt alles anders als geplant

Venezuela begrüsst und mit feucht tropischem Klima. Es ist schwül warm als wir am Nachmittag des 2.11. in Caracas landen. Mit einem inoffiziellen Taxi, vor denen in jedem Reiseführer gewarnt wird, fahren wir zur Wohnung von Enrique…wir haben ein ungutes Gefühl, schliesslich kennen wir ihn ja nicht wirklich. Es kommt aber alles gut. Den Abend verbringen wir mit der Suche nach einem Hotel in Caracas. Stellt sich schwieriger heraus als gedacht, denn es ist Freitag Abend und die Caraceños haben die Zimmer auf Zeit gebucht, da viele noch zu Hause wohnen und dort nicht mit ihrem PartnerIn schlafen dürfen. Somit kommen wir in einem teuren 4*-Businesshotel unter, das bei uns wohl kaum 2*-Standard erreichen würde. Jedenfalls gibt's kein warmes Wasser in der Dusche. Doch uns ist es egal, wir wollen einfach schlafen. In Caracas beeindruckt uns v.a. der Verkehr. Sie fahren aber sehr rücksichtsvoll, so dass es erstaunlich gut geht, ohne grosse Hektik und Chaos. Kein Wunder gibt's hier so viele Autos, eine Tankfüllung kostet hier so viel wie bei uns 1 Liter Benzin. Aber hier fahren Dinge herum, die kaum noch als Autos erkennbar sind, nur noch ein Haufen Schrott und Rost. Wahrscheinlich gibt's keine obligatorische Fahrzeugprüfung?!

Am nächsten Tag geht's über kurvige Bergstrassen mitten durch den Regenwald und über 1000 m hohe Hügel zum Fischerdorf Cuyagua, 3 Std. von Caracas entfernt. Hierhin kommt Enrique oft am Weekend und er kennt die Leute im Dorf. Cuyagua ist am Wochenende beliebtes Ausflugsziel der Venezolaner. Sie zelten zwischen den Palmen, doch viele hats heute nicht. Wir beziehen ein sehr spärlich eingerichtetes Zimmer in der Pension. Cuyagua ist optimal um uns an Venezuela zu gewöhnen, wir können am Strand entspannen und unser Amigo Enrique schaut zu uns. Wir lernen hier, dass Polar kein Herzfrequenzmessgerät ist, sondern Bier und das wird hier in rauen Mengen getrunken. Ist auch sehr erfrischend bei den hohen Temperaturen. Am Abend trinken wir auf der Plaza Mayor (hmmm, eigentlich nur das Dorfplätzchen vor der Kirche) gemeinsam mit den Einheimischen und geniessen den lauen, tropischen Abend.

Am nächsten Tag liegen wir am Strand und geniessen das Nichtstun. Am Nachmittag fahren wir mit den Fischern zum beliebten Badestrand von Choroni. Sie fahren 2 Touristen hin und müssen sowieso noch Benzin kaufen. Wir bezahlen in Bier: 24 Dosen. Die Kühlbox wird gefühlt und rund 12 Personen kommen mit auf den wilden Ritt über die Wellen. Dies ist wahrscheinlich für die Jungs das Highlight des Weekends: der Ausflug ins 20 Minuten entfernte Choroni. Mitten im Meer wird angehalten, dass sich alle mit einem frischen, kühlen Bier versorgen können.

Choroni ist ein pulsierendes Karibik-Örtchen mit vielen Touristen. Aus den Geschäften dröhnt laute Latino-Musik. Der Strand ist wunderschön, aber vollgepackt mit Urlaubern. Da haben wir in Cuyagua schon ein echtes Paradies!

Die Jungs setzen sich mit der Kühlbox und dem Bier in die Hafenkneipe und trinken munter weiter, bis sie eine Transportmöglichkeit für die Benzinkanister finden. Die Rückfahrt wird erst angetreten, als sie die Kühlbox wieder aufgestockt haben. Dann geht's in Wellenrichtung viel gemütlicher zurück, aber die meisten sind schon ziemlich betrunken und liegen auf dem Boot. Es wird natürlich dennoch weiter getrunken und viel gelacht. Zurück in Cuyagua sitze ich mit den Fischern noch bei ihrem Unterstand. Ihr Spanisch ist nicht einfach zu verstehen. Sie sprechen sehr schnell und verschlucken viele Silben. Europa kennen sie nur von der Landkarte oder dem TV, wie wir später feststellen sollten, geht's vielen Leuten hier gleich. Sie laden uns zu ihrem Dorffest vom 6.-8.12. ein, da würden wir natürlich gerne dabei sein, doch leider sind wir dann nicht mehr in Venezuela.

Den Fisch, den wir zum Nachtessen am Strandkiosk essen ist sehr lecker, frisch aus dem Meer schmeckt er halt am besten. Aber in Venezuela gibt's wohl keine Lebensmittelkontrollen, denn die Küchen der Restaurants und Beizlis willst Du lieber nicht sehen. Sie essen hier sehr fettig, alles wird frittiert und schon zum Frühstück gibt's Arepas (Mais-Taschen gefüllt mit Fleisch, Käse, Fisch, etc.). Kein Wunder sehen wir sehr viele dicke Leute.

14 Stunden im Auto

Am 5.11. fahren wir gemeinsam mit Enrique via Caracas nach Mochima, ein kleiner Ort an der Küste östlich von Caracas. Insgesamt sitzen wir an diesem Tag 14 Std. im Auto. Rund um Caracas sind die Strassen verstopft. Wir stehen im Stau, doch das ist rund um die 7-Mio-Stadt normal. Auf der Umfahrungsautobahn findet offenbar eine Demonstration statt, so dass alle Autos wenden und die Stelle durch die Autobahneinfahrt (Gegenverkehr!) umfahren. Da Enrique jede Strasse in Caracas kennt, finden wir schnell eine Umfahrungsmöglichkeit. Wir sind erst um 20.30h in Mochima. Der Ort erscheint unter der Woche ausgestorben. Leider haben alle Restaurants schon geschlossen. Wir haben aber so Hunger und mit Müh und Not kann Enrique noch ein paar Cracker und Käse auftreiben. So gibt's heute ein spärliches, aber deshalb umso geschätzteres Nachtessen.

Am nächsten Tag geht's mit dem Boot in den Nationalpark. Wir besuchen abgelegene, weisse Sandstrände, die nur mit dem Boot erreichbar sind und gehen schnorcheln. Gegen Abend fährt Enrique nach Caracas zurück und wir weiter Richtung Osten. Ab nun sind wir auf uns alleine gestellt und haben unseren ortskundigen Kollegen nicht mehr dabei. Wir fahren mit Sammeltaxis bis nach Carupano, wo wir in einer Posada (Pension) übernachten, die von einem Deutschen geführt ist. Es gibt viele Deutsche in Venezuela, die Posadas führen und Touren anbieten. Hier trinken wir zum 1. Mal einen Caipiriña.

Helly, der Taxifahrer und Tourguide

Am 7.11. wollen wir zur Playa Medina, einem echten Traumstrand und auf eine Kakaoplantage, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln nur schwer erreichbar sind. Dennoch wagen wir es und finden einen Taxifahrer, der uns bis Rio Caribe fährt. Sein Gefährt ist 20 Jahre alt, hat keine Seitenspiegel mehr, der Radio fehlt, der Tacho zeigt ständig 0 km/h an und an den Steigungen liegt das arme Ding fast ab. Bin froh kommt es nicht regnen, denn ich weiss nicht, ob die Scheiben noch drin sind oder nur runter gekurbelt. Jedenfalls ist er mächtig stolz auf sein Auto und bringt uns auch sicher nach Rio Caribe. Dort fährt gerade ein voll beladenes Por Puesto (Sammeltaxi) zur Kakaoplantage. Zur Playa Medina will irgendwie niemand fahren. Wir stehen herum und warten kurz als plötzlich ein Ford KA hält und uns anbietet uns für einen guten Preis zur Playa Medina zu fahren. Einsteigen und los geht's! Wir haben wieder Mal unglaubliches Glück, denn Helly, unser Fahrer ist nicht nur Chauffeur, sondern weiss auch viel über die Gegend zu berichten. Er hält oft an und zeigt uns am Strassenrand wachsende exotische Pflanzen. Für einen sehr fairen Preis können wir ihn als Guide für den heutigen Tag engagieren. Er holt uns nach 3 Std. von der Playa Medina ab, fährt uns zur Kakaoplantage, wartet dort bis wir von der Führung zurück sind und fährt uns bis vor die Posada. Am Abend gibt's eine Grillparty am Strand. Da sind wir natürlich auch dabei und mixen uns viele Caipis.

Cueva del Guacharo

Am 8.11. geht's weg von der Küste, Richtung Süden. Wir besuchen die Guacharo Höhlen, wunderschöne Tropfsteinhöhlen, in denen Vögel leben. Die Guacharos sind nachtaktive Vögel, die kein Tageslicht vertragen. Am Tag sind sie in den Höhlen, in der Nacht schwärmen sie aus. Unser Führer spricht nur Spanisch, wie fast alle hier. Obwohl viele im Tourismus arbeiten, können sie keine Fremdsprache. Unser Ohr hat sich aber langsam an das venezolanische Spanisch gewöhnt und so verstehen wir ziemlich viel. Es ist unheimlich durch die dunkle Höhle zu marschieren und die Vögel kreischen zu hören. Der Boden ist durch den Vogelkot glitschig und schmierig. Im Schein der Lampe sehen wir viele Ratten über den Boden huschen.

Die Nacht verbringen wir in Caripe, einem kleinen Ort inmitten grüner Hügel auf ca. 1000 m.ü.M. Es ist für einmal angenehm kühl und wir müssen nicht die Klimaanlage einschalten. Am nächsten Tag legen wir eine lange Strecke zurück und fahren mit Sammeltaxis nach Ciudad Bolivar. Der Estado Bolivar ist sehr reich, da hier viele Bodenschätze gewonnen werden (Eisenerz, Diamanten Gold…). Man merkt es den Strassen an, die in sehr gutem Zustand sind. Die Landschaft hat sich wieder völlig verändert, es ist flach und die Strassen oft kilometerweit gerade. So kommen wir in rund 5 Std. nach Ciudad Bolivar, die heisseste Stadt Venezuelas am Rio Orinoco. Ihrem Namen macht sie alle Ehre, es ist nämlich sehr heiss, sicher um die 40°C.

Bei den Indianern im Dschungel

Ab dem 10.11. verbringen wir 5 Tage im Dschungel. Ariane und ich haben einen Guide für uns alleine, es hat keine anderen Touristen. Wir fahren 3.5 Std. ab Ciudad Bolivar bis zum Rio Caura, wo wir unser Gepäck sowie Vorräte für 5 Tage im Einbaum verstauen. Auf dem Weg zum 1. Nachtlager werden wir fürchterlich nass, über uns entlädt sich ein Gewitter. Bei diesen hohen Temperaturen ist es aber richtig erfrischend, wenn man Mal nass wird. Unser Nachtlager liegt auf einer Insel im Fluss und ist nicht mehr als ein mit Palmblättern gedeckter Unterstand. Wir hängen die Hängematten auf und Miguel, unser Führer kocht über dem offenen Feuer das Abendessen. Es gibt keine WCs oder Duschen, kein Licht, keinen Strom. Das Nachtessen schmeckt lecker. Bei Kerzenlicht erzählt uns Miguel Geschichten über den Fluss, den Wald und die hier lebenden Tiere, wie den Jaguar. In den nächsten Tagen besuchen wir verschiedene Indianersiedlungen entlang des Flusses. Es gibt 2 Stämme, die hier leben, die Yekuana und die Sanema. Beide Stämme tragen Kleider, doch die Sanema sind weniger zivilisiert als die Yekuana. Die Sanema sind sehr kleine Menschen (140-160 cm), sprechen noch kaum Spanisch und haben sich offensichtlich noch weniger der zivilisierten Welt angepasst. Auffallend ist, dass es aber in jedem Dorf Elektrizität und TV gibt. Mit der Welt ist man dann doch verbunden. Bei unseren Besuchen werden wir immer zurück haltend empfangen. Sie sprechen höchstens mit Miguel, aber mit uns kommunizieren sie nicht. Es fällt uns sowieso auf, dass die Indianer sehr zurück haltende Menschen sind. Da sie fast nur barfuss rumlaufen und sich behände bewegen im Busch, hört man sie praktisch nicht. Plötzlich stehen sie vor einem. Sie sprechen mit leiser Stimme und die Kinder scheinen nicht zu schreien. Es scheint, dass sie keine Hektik kennen und einfach im Einklang mit der Natur leben. Unsere 2 Nächte im Indianerdorf El Playon, am Ende des unteren Rio Caura, sind sehr friedlich und erholsam. Hier gibt's verhältnismässig viel Komfort, so z.B. WCs und Dusche. Es ist schon unglaublich beeindruckend, diese Stille weit ab der Zivilisation zu erfahren. Ausser die Motorengeräusche der wenigen Boote, gibt's nur die Geräusche der Natur, des Flusses, des Waldes, der Tiere.

Nach 5 Tagen hat uns die Zivilisation wieder. Der Fahrer, der uns am Fluss abholt ist äusserst pünktlich. Am Nachmittag kommen wir zurück nach Ciudad Bolivar, wo wir noch einmal eine Nacht bleiben. Nach 5 Tagen schauen wir zum 1. Mal wieder in einen Spiegel. Ich habe nun noch 2 Tage und wir überlegen, was wir damit noch anfangen können. Wir möchten lieber nicht in der Stadt bleiben, es ist zu laut und zu heiss, doch rund um Ciudad Bolivar ist es schwierig etwas zu unternehmen für nur 2 Tage.

Raus aus der Stadt

Am 15.11. fahren wir nach Puerto Ordaz. Von hier habe ich am 17.11. meinen Rückflug nach Caracas. Wir wollen in eine Posada eines Deutschen, mit dem ich vorgängig telefoniert hatte. Vielleicht kann er uns noch eine gute Tour empfehlen. Es ist aber niemand da als wir dort ankommen und so klopfen wir nur einige Häuser weiter bei Socoroco Tours an, ein Veranstalter, der ein Camp im Orinoco-Delta betreibt. Die Tochter von Roger öffnet uns und bittet uns hinein. Wir sind über die Gastfreundlichkeit und Offenheit überrascht, sind wir doch fremde Leute und haben uns nicht angemeldet. Roger kam 1954, mit 2 Jahren nach Venezuela, er ist ursprünglich Deutscher. Seine Frau spricht auch Deutsch, ist aber Venezolanerin. Sie kommt 5 Min. später nach Hause und serviert uns frischen Fruchtsaft und Crackers. Das Camp ist nur 1 Std. von Puerto Ordaz entfernt und so entscheiden wir uns, am Nachmittag dorthin zu fahren. Es war die richtige Entscheidung, hier ist es sehr ruhig und erholsam. Roger ist ein ganz toller Tourguide. Er kennt das Orinoco-Delta wie seine Hosentasche. Dank der Gruppengrösse von max. 11 Personen, wird man individuell betreut. Wir kommen im späteren Nachmittag an und treffen ein deutsches Pärchen sowie 2 Walliser. Es stellt sich heraus, dass einer von ihnen mit einer meiner Mitarbeiterinnen geschäftlich zusammenarbeitet. Ist doch die Welt klein…

Am Abend gehen wir auf Kaimantour. Mit den Lampen sichten wir einige dieser kleinen Krokodile in den umliegenden Sümpfen. Nach unserer Rückkehr sitzen wir bis lange in die Nacht hinein mit den Wallisern und den Deutschen zusammen.

Am 16.11. gehen wir mit auf die Bootstour im Delta. Mit Roger ist es sehr spannend. Er hält viel an, zeigt uns Tiere und erzählt viel über das Leben im Orinoco Delta. Meine letzte Nacht verbringen wir in der Hängematte.

Die Rückreise

Am 17.11. reise ich zurück. Ariane bleibt weitere 2 Wochen in Venezuela und bereist weitere Teile des Landes. Mein Flugzeug von Puerto Ordaz nach Caracas sollte um 13.05h abfliegen, doch es landet erst um 13.30h. So erhalten wir 1:15 Std. Verspätung. Zum Glück habe ich in Caracas genug Zeit, denn von Flugzeug zu Flugzeug benötige ich nochmals 1:30 Std. So wird's nichts mit dem mühsamen Rumhängen am Flughafen. Da die Funkverbindung zum Tower zusammen bricht, erhalten wir in Caracas rund 1:30 Std. Abgangsverspätung. Aber dafür habe ich wieder Glück mit dem Sitzplatz. Zuerst hatte ich einen Platz in der 1. Reihe, aber neben einer sehr dicken Dame. Sie passt kaum in den Sitz und ich habe nur 1/2 Sitz zur Verfügung. Wie ich da 10 Std. durchhalten soll weiss ich nicht. Da das Flugzeug aber nicht voll ist, finde ich dann 2 Sitze nebeneinander, die ich belege. So kann ich gut schlafen. In Frankfurt kommen wir mit Verspätung an. Ich habe nur 45 Minuten zum umsteigen, was für mich reicht, doch mein Gepäck bleibt hängen. Venezuela hat uns fasziniert. Wir haben nicht nur sehr nette und lebensfrohe Menschen kennengelernt sondern auch ein touristisch relativ unerschlossenes Land mit wunderschönen Landschaften entdeckt. Wie hat doch Enrique bei der Einreise gesagt: "Todo es possible en Venezuela".

 

Alle Fotos sind in der Galerie zu sehen!