Erlebnisbericht zum 10. Inferno Triathlon am 18. August 2007 von Jan Cermak Der Jubiläumsinferno fand nur 5 Wochen nach dem 7-Tage-Gigathlon statt. Da ich im Vorfeld des Gigathlons nicht abschätzen konnte, in welcher Verfassung ich danach sein würde, habe ich mich vorsorglich nicht für den Inferno angemeldet. Sofort nach dem Gigathlon kreisten meine Gedanken aber schon wieder um den Inferno. Ich wollte unbedingt an meinem Lieblingswettkampf dabei sein. Eine Woche vor dem Inferno war schliesslich klar, dass ich nun definitiv starten würde. Zwischen dem Gigathlon und dem Inferno habe ich kaum noch trainiert, viel mehr war Erholung und Genuss angesagt. Auch der Ausgang mit Freunden und Kollegen kam nicht zu kurz. Sobald ich meinen Startplatz zugesichert erhielt, war dann für eine Woche aber noch volle Konzentration auf härtesten Triathlon der Welt angesagt. Ich freute mich riesig, dass ich am Start war. Auch die Wetterprognose sah günstig aus. Der Wetterfrosch sprach sogar von herrlicher Aussicht vom Schilthorn. Das wäre für mich das schönste Geschenk gewesen, war ich doch nun schon 4 Mal oben und habe ausser Nebel noch nie was gesehen. An diesem 18. August 2007 feierte nicht nur der Inferno seinen 10. Geburtstag. Für mich persönlich war es auch ein kleines Jubiläum: ich war zum 5. Mal in Folge am Start. Zum 4. Mal in Folge war der Inferno für mich das "Dessert" nach dem Gigathlon. Ich war wirklich gespannt, wie sich mein Körper vom Gigathlon erholt hatte. Die Beine fühlten sich im Vorfeld locker an, aber wie mein Körper unter Belastung reagieren würde, wusste ich nicht
noch nicht! Natürlich kann man nur 5 Wochen nach dem Gigathlon keine Wunder erwarten, die Regenerationszeit war mit Bestimmtheit zu kurz. Deshalb bestand mein Ziel darin, diesen aussergewöhnlichen Wettkampf zu geniessen und zu finishen. Am Freitag, 17. August 2007, bestückte ich die Wechselzonen mit den Sportgeräten. Irgendwie ist das Einrichten der Wechselzonen durch die Athleten wie ein Ritual, das mich jedes Jahr definitiv auf den Inferno einstimmt. Top motiviert und ausgeruht fuhren mein Vater und ich am Samstag nach Thun an den Start. In Thun kam Urs dazu, der den ganzen Tag Fotos machen würde. Im Startgelände kannte ich "die halbe Welt" oder sie mich: Händeschütteln hier, Small Talk da, die Langdistanztriathleten sind eine kleine Familie, wo man sich kennt. Ich freute mich aufs Schwimmen, war doch 18°C Wassertemperatur gemeldet. Doch als ich in den See stieg, fühlte er sich sehr kalt an. Am Gigathlon sind wir im 14°C kalten Wasser geschwommen, der Thunersee schien nicht wirklich wärmer zu sein. Um 6.30 Uhr ertönte der Startschuss. Ich reihte mich weit vorne ein und entschied mich ganz rechts zu schwimmen. In Oberhofen kam ich erst nach 1:05 aus dem Wasser, wahrscheinlich war meine Linienwahl nicht wirklich optimal, etwas direkter hätte auch nicht geschadet. In der Wechselzone war mir schwindlig. Ich war mir nicht sicher, ob ich beim Ausziehen des Neoprens nicht plötzlich umfallen würde. Doch schliesslich schaffte ich es und so schnell wie das Schwindelgefühl gekommen war, so schnell war es auch wieder vorbei. Auf dem Rennrad ging ich es locker an. Dieses Jahr versuchte ich, nicht allen Power schon bis zur Grossen Scheidegg zu verpuffen. Ich fuhr gemütlich nach Sigriswil und als wir kurz vor Beatenberg um eine Kurve bogen und uns die Sonne entgegen schien, wusste ich, dass ich heute gute Chancen haben würde, endlich Mal das Panorama vom Schilthorn aus geniessen zu können. Am Brienzersee entlang liefs gut. Bald merkte ich aber, dass ich rund 15 Fahrer im Schlepptau hatte. Ich habe gedacht, Windschattenfahren sei verboten
Ich fuhr mein Tempo weiter und als die Gruppe mich dann nach Brienz überholte, achtete ich darauf, mind. 10 m Abstand zu haben. Es nervte mich, dass die Schiedsrichter erst ab Meiringen Kontrollen machten. Dort haben sie aber den Verstoss gegen die Windschattenregel vehement durch gesetzt. Meines Erachtens sollten die Kontrollen schon ab Interlaken stattfinden. An der grossen Scheidegg liefs zuerst noch ganz gut. Es hatte aussergewöhnlich viel Verkehr und als noch 3 Postautos an uns vorbei drängten, wurde es nicht nur der Abgase wegen ziemlich ungemütlich. Doch schon nach wenigen Kilometern am Berg waren meine Beine plötzlich kraftlos. Zum Glück hatte ich eine sehr kleine Übersetzung montiert, so dass ich trotzdem eine anständige Kadenz treten konnte. Aber ich kam kaum mehr vom Fleck. Hier war er also nun, der Einbruch, den ich an der Grossen Scheidegg unbedingt vermeiden wollte. Es war sehr hart, mit an sehen zu müssen, wie alle, die ich vorgängig überholt hatte, nun locker und leicht an mir vorbei zogen. Ich wurde regelrecht durchgereicht und mein Ziel, den Inferno zu geniessen, war auch nicht mehr wirklich gegeben. So musste ich mich anderweitig motivieren, z.B. mit dem tollen Wetter. Es war sonnig und weder zu kalt noch zu heiss. Oder mit dem Blick an die imposante Eigernordwand. Nach dem beschwerlichen Aufstieg wollte ich wenigstens in der Abfahrt noch ein paar Plätze gut machen, doch ein paar Kurven vor Grindelwald platzte mir der Schlauch im Vorderrad. Die Felge überhitzte und das nicht zum ersten Mal. Ich hatte Glück, dass ich nicht zu Fall kam und nahm die Zwangspause recht locker. Eine gute Schlusszeit konnte ich mir nach dem Einbruch am Berg sowieso abschminken. Es war aber natürlich nicht lustig, mit an zu sehen, wie nun noch mehr Teilnehmer an mir vorbei rauschten während ich den Schlauch wechselte. Die Panne kostete mich wohl ca. 15 Min. Trotz Sonnenschein und vielen Zuschauern kam ich zerknirscht nach Grindelwald. Es konnte nur noch besser kommen. Auf dem Bike hatte ich aber bisher immer Mühe im Aufstieg, doch dieses Mal gings ganz ok. Der Blick hinauf zur mächtigen Eigernordwand half mir immer wieder, mich vorwärts zu treiben. Ich war zwar langsam, aber sehr regelmässig unterwegs und wurde nicht oft überholt. Ich konnte sogar meinerseits wieder einige überholen, die mich wegen meiner Panne überholt hatten. Dies motivierte mich und nachdem ich auf der Kleinen Scheidegg am Verpflegungsstand Schoggi gegessen hatte (auf die freue ich mich immer!) liess ich es brettern. Die Abfahrt war dieses Jahr trocken und ich kam problemlos nach Stechelberg. Meine Stimmung war schon wieder viel besser als noch in Grindelwald. Ich hatte mich damit abgefunden, dass eine Zeit um 10:30 Uhr nicht mehr drin lag. Nach dem ich mich umgezogen hatte für die Laufstrecke verpflegte ich mich gut. Ich hatte grosse Lust nach Rivella und beauftrage meinen Vater, in Mürren dieses Getränk für mich bereit zu halten. Bevor ich los lief teilte mir mein Vater mit, dass mein Kollege und Trainingspartner, Bidu Baumgartner, vor 15 Min. auf die Laufstrecke gegangen war. Bidu ist der einzige Teilnehmer, der heute die Möglichkeit hat, den Inferno zum 10. Mal zu finishen. Eine riesige Leistung! In den Berglauf setzte ich dieses Jahr grosse Hoffnungen, denn vom Gigathlon her wusste ich, dass ich dieses Jahr viel Kraft besass. Ich ging den Lauf behutsam an und lief die Flachstrecke nach Lauterbrunnen mit angezogener Handbremse. In der Steigung nach Mürren merkte ich, dass die Kraft wieder da war. Ich legte fast den gesamten Weg rennend zurück und überholte vor mir liegende Single-Athleten im Minutentakt. Bis Mürren konnte ich ca. 20 Singles überholen. Das gab mir Motivation. Kurz vor Mürren meldeten sich aber erste Krampferscheinungen in den Beinen. Es war aber nicht weiter schlimm, da sie mich beim Laufen nicht behinderten. Der Vater einer Kollegin gab mir an einem Verpflegungsposten noch einen Becher Wasser mit Magnesium drin, so kam ich dann ganz gut nach Mürren, wo viele Leute entlang der Strecke standen. Ich freute mich, dass es mir endlich auch Mal auf dem letzten Teilstück gut lief und ich Plätze gut machen konnte. Schade nur, hatte ich diesen Einbruch an der Grossen Scheidegg. In Mürren verpflegte ich mich, erhielt mein Rivella und zog warme Kleider an. Meine Betreuer teilten mir mit, dass Bidu noch 5 Min. Vorsprung auf mich hätte. Wer weiss, vielleicht wird mein Wunsch, gemeinsam mit ihm einlaufen zu können doch noch wahr? Ah ja, ausserdem wurde ich informiert, dass das Schilthorn im Nebel lag. Ist ja nichts Neues
Im Zielgelände der Teams in Mürren war die Stimmung fantastisch. Ich lief durch eine Gasse begeisterter Zuschauer und weiter ging meine Aufholjagd. Ich marschierte nur in den steilen Passagen, die flachen Streckenabschnitte (ja, auch die gibt's am Schilthorn!) legte ich rennend zurück. Ab und zu kamen die Beinkrämpfe, doch wenn ich wieder marschierte, klangen sie wieder ab. Ausserdem fand ich ein gutes Mittel dagegen: an jedem Verpflegungsposten trank ich einen Becher Cola, dann Wasser und dann Actifood. Es lief rund und vor mir sah ich noch viele Athleten, die in Reichweite lagen. Als ich im Kanonenrohr nach oben schaute, sah ich weit vorne einen Läufer in roter Kleidung. Ich wusste, dass Bidu im Thömus-Trikot unterwegs war, konnte ihn aber natürlich nicht genau erkennen. Es lief mir so gut, dass ich an Läufer ran kam, die kurz nach Mürren noch so weit vor mir lagen, dass ich die Distanz für zu gross empfand um sie noch einholen zu können. Bei einem Verpflegungsposten gibt's immer Alpkäse und Trockenfleisch, eine willkommene Abwechslung nach all der kohlehydrathaltigen Sportlernahrung. 2 km vor dem Ziel auf Birg, war der Speaker vom Ziel auf dem Schilthorn zu hören. Doch das Schilthorn sah man nicht, es war tatsächlich im Nebel. Ich freute mich, denn ich würde es auch dieses Jahr wieder ins Ziel schaffen. Blieb nur noch die Frage, ob ich es unter 12 Std. schaffen würde. Ich war nun so nahe an die Gruppe aufgerückt, in der ich Bidu vermutete, dass ich nun deutlich sah, dass der Läufer im roten Trikot wirklich er war. Innerhalb kurzer Zeit hatte ich ihn eingeholt. 1 km vor Schluss schloss ich zu ihm auf. Er meinte, ich solle nur mein Tempo laufen und keine Rücksicht auf ihn nehmen. So machte ich mich alleine auf den letzten, sehr anstrengenden Kilometer, der nie enden will. Für den letzten Kilometer blieben mir noch über 20 Min. um unter 12 Std. zu finishen. Tönt so, wie das locker machbar wäre, aber wer schon Mal dort oben am "Fels klebte" weiss, dass das nicht ganz einfach ist. Ich schaute immer wieder zurück und überlegte mir, ob ich auf Bidu warten solle. Da aber noch weitere Läufer von hinten kamen, entschloss ich mich durch zu ziehen. Nun hörte man den Speaker im Ziel deutlich. Ich konnte jeden Namen hören, der ins Ziel einlief. Weit konnte es nicht mehr sein! Plötzlich hörte ich wie mir mein Vater zurief. Er freute sich, mich zu sehen und erwartete mich bei der 500 m Marke. Hinter mir marschierte er den Berg hoch. Ich war am Ende meiner Kräfte und musste wirklich kämpfen auf den letzten Metern, die sich extrem in die Länge zogen. Mein Vater musste dennoch abreissen lassen und liess mich ziehen. Auf der Treppe, die auf die Schilthorn-Plattform führt hörte ich den Speaker: "Jan Cermak hat noch 40 Sek. Zeit um unter 12 Std. zu finishen. Wenn er sich beeilt reichts noch." Da ich wusste, dass das Ziel nicht direkt oben an der Treppe war, war mir bewusst, dass es wohl kaum noch reichen wird. Die Kraft fehlte mir, um die Treppe hoch zu rennen. Im Ziel wurde ich vom Rennleiter, Gerre Gasser, und meinem Betreuer Urs empfangen. Die Uhr zeigte 12:00:17. Dies war meine langsamste Finisher-Zeit, doch es war mir egal, schliesslich gabs nur ca. 5 Athleten, die vorgängig schon am 7-Tage Gigathlon mitgemacht hatten und von denen lief keiner eine Spitzenzeit. Ich war einfach glücklich, dass ich überhaupt auf dem Schilthorn angekommen war, denn an der Grossen Scheidegg glaubte ich eine Zeit lang nicht mehr daran. Kurz nach mir kam Bidu ins Ziel gemeinsam mit seinen 4 Kindern. Die Guggenmusik spielte, das Schweizer Fernsehen wartete und vom Rennleiter erhielt er einen Bergkristall überreicht zu seinem 10. Zieleinlauf am 10. Inferno Triathlon. Ich gratulierte ihm zu seiner unglaublichen Leistung und freute mich mit ihm über diesen speziellen Moment. Danach ging ich mit meinen Betreuern in den Aufenthaltsraum an die Wärme. Hier gabs feine Käse- und Salamisandwiches, Getränke und ganz wichtig, Sitz- und Liegegelegenheiten. Es sieht ein bisschen aus wie in einem Lazarett, denn überall liegen erschöpfte aber glückliche Athleten herum, betreut von ihren Bekannten, Partnern oder Kollegen. Die Stimmung hier ist immer sehr familiär. Man gratuliert sich gegenseitig und erzählt sich wie der Tag verlief. Oft fallen schon wieder kecke Sprüche. Jeder und jede ist glücklich, es bis aufs Schilthorn geschafft zu haben, die erzielte Zeit spielt überhaupt keine Rolle. Bevor mein Vater und ich nach Hause fuhren, gingen wir in einem urchigen Restaurant in Stechelberg essen. Es tat uns beiden gut, vor der Heimfahrt etwas Richtiges in den Magen zu bekommen, zudem das Essen hervorragend schmeckt. Zum Dessert genehmigten wir uns sogar ein grosses Stück hausgemachte Schwarzwäldertorte. Der Inferno machte seinem Namen wieder Mal alle Ehre. Bei der diesjährigen Austragung hatte zwar der Wettergott ein Einsehen mit den Athleten und bescherte uns hervorragende Bedingungen, aber die Topografie der Strecke ist jedes Jahr einfach infernalisch. Dieser Wettkampf mit 5'500 Höhenmetern ist so unglaublich hart, dass kaum ein Teilnehmer ohne persönliche Krise durchkommt. Irgendwo unterwegs erwischt es die meisten. Die Kunst ist es, sich wieder aus dieser Krise heraus zu arbeiten und die noch anstehenden Berge zu packen. Im Moment des Einbruchs so wie ich ihn an der Grossen Scheidegg erlebt hatte, fragte ich mich schon, wieso ich mir das schon wieder antue. Die Antwort ist wohl folgende: "Weil es keinen eindrücklicheren und härteren Wettkampf gibt als den Inferno. Wenn man die letzten Stufen vor dem Ziel hoch steigt und über die Ziellinie läuft, sind die Mühen des Tages vergessen und ich weiss, es war nicht das letzte Mal!" Zum Schluss möchte ich es nicht unterlassen, dem OK und den 900 freiwilligen Helfern ganz herzlichen für ihren grossen Einsatz und die tadellose Organisation zu danken. Am Inferno merkt und schätzt der Athlet, dass die Helfer und das OK mit unglaublichem Herzblut dabei sind und ihnen dieser Anlass viel bedeutet. Ich habe immer das Gefühl, dass sich hier absolute Profis um das Wohl der Athleten kümmern.
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